Ekstase im Stroboskoplicht

Das Abschiedskonzert von Ziggy Stardust lädt dazu ein, in der Menge abzutauchen. So nah wie hier waren wir Bowies Fans nie.

Ziggy Stardust und David Bowie, diese zwei sind nicht zu unterscheiden in dem Konzertmitschnitt mit dem sperrigen und wunderbaren Titel »Ziggy Stardust and the Spiders from Mars«. Bis heute hält der Film den letzten Auftritt von Bowies Kunstfigur am 3. Juli 1973 für die Nachwelt lebendig. Um die Bildqualität ist es seit der Restaurierung von 2002 wieder besser bestellt. Wenn man sich auch nicht vorzumachen braucht, dass der Film jemals besonders gut ausgesehen hat. Viele der im Hammersmith Apollo in London entstandenen Aufnahmen sind seit jeher unscharf, die Kamera wackelt und ruckelt. Vom Sound wollen wir besser auch nicht reden. Packender als das Geschehen auf der Bühne ist ohnehin, was sich davor abspielt.

In keinem anderen filmischen Dokument über David Bowie kommt man seinen Fans so nah wie hier. Die erstaunlich jungen Besucher im Apollo kennen jede Zeile, leben jeden Ton. Haben die was genommen, grübelt man, während man sich mit dem Kameramann durch die Menge bewegt. Wie sonst können sie derart körperlich auf das dünne Alien mit den roten Haaren reagieren, das da vorne seine Show abzieht? Ziggy ist ihnen mehr als ein Rockstar. Er kommt als Messias zu ihnen an diesem Abend, transportiert die Aufforderung, ihm gleich zu werden. In Teilen scheinen seine Jünger die eigene Transformation schon verwirklicht zu haben. Völlig anders sehen sie aus als die braven Kids auf den Beatles-Konzerten. Zum Teufel mit Haarreifen und Hosenträgern! Verschont uns mit Schnauzbärten und Schminke! Es steht in ihren Gesichtern, sie wollen sich nicht verkleiden. Wer könnte sicher sagen, ob es Männer, Frauen, Kinder, Erwachsene sind? Mit Bowies Rock ’n’ Roll hat ein Zeitalter begonnen, das die Kostüme der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr kennt.

Gar nicht so viele Songs aus dem Ziggy-Stardust-Album von 1972 kommen insgesamt vor, obwohl Bowie durchgängig die Rolle seines Alter Ego einnimmt – irgendwie sogar in den kurzen Konzertpausen, in denen wir ihn zum Kostümwechsel hinter die Bühne begleiten. »Hang on to Yourself« und »Rock ’n’ Roll Suicide« rahmen das Programm. Es werden aber auch ältere Lieder von anderen Künstlern gespielt. Etwa die Stones-Nummer »Let’s Spend the Night Together«, deren Aufforderung die Konzertbesucher beglückt zur Kenntnis nehmen. Die Gemeinde bebt, tanzt sich der Ekstase entgegen. Bandgitarrist Mick Ronson heizt ihr mit jaulenden Soli ein. Je größer die Enthemmung, desto spektakulärer fliegen die Köpfe im Stroboskoplicht nach allen Seiten.

Am Ende aber bleibt die Liebe. Bowie, dieser außerirdisch schöne Christus von einem weit entfernten Planeten, hat einen weiblichen Fan, der wie Maria Magdalena am Bühnenrand steht und sich vor Sehnsucht nach ihm verzehrt. Der Song ist »Space Oddity«, er markiert den intimsten und berührendsten Moment des Films. »Can you hear me, Major Tom?«, fragen die Augen des Mädchens. Sie weint. Die Kamera bleibt das gesamte Lied über ganz nah an ihrem Gesicht.  Es scheint, als gelte ihr das Lied des Weltraumreisenden Tom über seine daheimgebliebene Frau. So fern und gleichzeitig nah wie jetzt werden die beiden einander nie mehr sein. Und wir ihnen auch nicht.

  • Ziggy Stardust and the Spiders from Mars
  • UK / USA 1973
  • 90 Minuten
  • Regie Donn Alan Pennebaker
  • Produktion Edith Van Slyck, Tony DeFries, MainMan, Bewlay Bros., Miramax
  • Drehbuch Donn Alan Pennebaker, Nick Loob, Randy Fran
  • Kamera Nick Doob, Randy Franken
  • Schnitt Lorry Whitehead
  • Musik David Bowie
  • Darsteller David Bowie

von Jonathan Horstmann
am 4. September 2016

© Maximilian Oehme

Ekstase im Stroboskoplicht

Das Abschiedskonzert von Ziggy Stardust lädt dazu ein, in der Menge abzutauchen. So nah wie hier waren wir Bowies Fans nie.

Ziggy Stardust und David Bowie, diese zwei sind nicht zu unterscheiden in dem Konzertmitschnitt mit dem sperrigen und wunderbaren Titel »Ziggy Stardust and the Spiders from Mars«. Bis heute hält der Film den letzten Auftritt von Bowies Kunstfigur am 3. Juli 1973 für die Nachwelt lebendig. Um die Bildqualität ist es seit der Restaurierung von 2002 wieder besser bestellt. Wenn man sich auch nicht vorzumachen braucht, dass der Film jemals besonders gut ausgesehen hat. Viele der im Hammersmith Apollo in London entstandenen Aufnahmen sind seit jeher unscharf, die Kamera wackelt und ruckelt. Vom Sound wollen wir besser auch nicht reden. Packender als das Geschehen auf der Bühne ist ohnehin, was sich davor abspielt.

In keinem anderen filmischen Dokument über David Bowie kommt man seinen Fans so nah wie hier. Die erstaunlich jungen Besucher im Apollo kennen jede Zeile, leben jeden Ton. Haben die was genommen, grübelt man, während man sich mit dem Kameramann durch die Menge bewegt. Wie sonst können sie derart körperlich auf das dünne Alien mit den roten Haaren reagieren, das da vorne seine Show abzieht? Ziggy ist ihnen mehr als ein Rockstar. Er kommt als Messias zu ihnen an diesem Abend, transportiert die Aufforderung, ihm gleich zu werden. In Teilen scheinen seine Jünger die eigene Transformation schon verwirklicht zu haben. Völlig anders sehen sie aus als die braven Kids auf den Beatles-Konzerten. Zum Teufel mit Haarreifen und Hosenträgern! Verschont uns mit Schnauzbärten und Schminke! Es steht in ihren Gesichtern, sie wollen sich nicht verkleiden. Wer könnte sicher sagen, ob es Männer, Frauen, Kinder, Erwachsene sind? Mit Bowies Rock ’n’ Roll hat ein Zeitalter begonnen, das die Kostüme der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr kennt.

Gar nicht so viele Songs aus dem Ziggy-Stardust-Album von 1972 kommen insgesamt vor, obwohl Bowie durchgängig die Rolle seines Alter Ego einnimmt – irgendwie sogar in den kurzen Konzertpausen, in denen wir ihn zum Kostümwechsel hinter die Bühne begleiten. »Hang on to Yourself« und »Rock ’n’ Roll Suicide« rahmen das Programm. Es werden aber auch ältere Lieder von anderen Künstlern gespielt. Etwa die Stones-Nummer »Let’s Spend the Night Together«, deren Aufforderung die Konzertbesucher beglückt zur Kenntnis nehmen. Die Gemeinde bebt, tanzt sich der Ekstase entgegen. Bandgitarrist Mick Ronson heizt ihr mit jaulenden Soli ein. Je größer die Enthemmung, desto spektakulärer fliegen die Köpfe im Stroboskoplicht nach allen Seiten.

Am Ende aber bleibt die Liebe. Bowie, dieser außerirdisch schöne Christus von einem weit entfernten Planeten, hat einen weiblichen Fan, der wie Maria Magdalena am Bühnenrand steht und sich vor Sehnsucht nach ihm verzehrt. Der Song ist »Space Oddity«, er markiert den intimsten und berührendsten Moment des Films. »Can you hear me, Major Tom?«, fragen die Augen des Mädchens. Sie weint. Die Kamera bleibt das gesamte Lied über ganz nah an ihrem Gesicht.  Es scheint, als gelte ihr das Lied des Weltraumreisenden Tom über seine daheimgebliebene Frau. So fern und gleichzeitig nah wie jetzt werden die beiden einander nie mehr sein. Und wir ihnen auch nicht.

  • Ziggy Stardust and the Spiders from Mars
  • UK / USA 1973
  • 90 Minuten
  • Regie Donn Alan Pennebaker
  • Produktion Edith Van Slyck, Tony DeFries, MainMan, Bewlay Bros., Miramax
  • Drehbuch Donn Alan Pennebaker, Nick Loob, Randy Fran
  • Kamera Nick Doob, Randy Franken
  • Schnitt Lorry Whitehead
  • Musik David Bowie
  • Darsteller David Bowie