Im Cyberwar

Hacker sind die neuen Soldaten. Eine Doku auf der Berlinale zeigt, wie sie die Systeme feindlicher Nationalstaaten mit aggressiven Computercodes angreifen.

Ein militärischer Angriff in Iran? Die Machtkämpfe in Nahost unter der Präsidentschaft von George W. Bush sind bekannt, doch von einer US-Attacke auf die Urananreicherungsanlage im iranischen Natans werden die meisten bisher noch nichts gehört haben. Mit dem Film »Zero Days« rollt der Dokumentarfilmer Alex Gibney den Vorfall jetzt auf. Vor seiner Kamera tragen Internetspezialisten, Journalisten, Politiker und Geheimdienstmitarbeiter Indizien dafür zusammen, dass die USA aggressive Computercodes entwickeln und gegen die digitale Infrastruktur anderer Staaten einsetzen. Die erhellende Investigativrecherche macht dem Dokumentarfilmgenre alle Ehre. Auf der Berlinale lief sie im vergangenen Frühjahr im Wettbewerb.

Jeder, dem das Schlagwort »Stuxnet« etwas sagt, erinnert sich an das so bezeichnete Computervirus von 2009. Seine Struktur sorgte bei Experten für Verblüffung, da der Code ungewöhnlich komplex und frei von Bugs war. Diese Merkmale sprechen gegen private Programmierer und für ressourcenstarke Auftraggeber – zum Beispiel einen Nationalstaat. Ein paar Personen aus der internationalen Hackerszene, die das schon früh vermuteten, kommen im ersten Kapitel des Films zu Wort. Die Interviews mit ihnen sind der Auftakt für eine journalistische Spurensuche. Sie kreist um Herkunft und Angriffsziel des Internetwurms und identifiziert zügig die amerikanischen und israelischen Geheimdienste als Urheber.

Von Stuxnet aus befördert Gibney uns mit Tempo in die Vergangenheit. Insider verschiedener Nationalitäten erklären Zusammenhänge des Virus mit dem Sabotageprogramm »Olympic Games« – einer Malware, mit der im iranischen Natans der Defekt eines Elektromotors herbeigeführt wurde und Reihen von Uranzentrifugen zum Kollabieren gebracht wurden. Durch einen technischen Fehler flog das Virus später auf und geriet ins Internet. Was als geheimdienstlich entwickelter Störer mit fest definiertem Ziel begann, befiel am Ende sogar private Rechner auf der ganzen Welt.

Es ist grundsätzlich nicht einfach, eine solche Geschichte für Laien zu erzählen und zu bebildern. Der Regisseur, der sich auch als Drehbuchautor und Produzent betätigte, macht seine Sache gut. Das Problem der Undarstellbarkeit eines Computerprogramms löst er durch den Einsatz animierter Grafiken, die den außergewöhnlichen Aufbau des Virus anschaulich machen. Die Vorgänge in Natans, dem Tatort der Spionage-Geschichte, werden von seinen Interviewpartnern mal als »talking heads«, mal als Stimmen aus dem Off rekonstruiert und mit Fernseharchivmaterial zusammenmontiert. Es ist ein durchweg spannender und lehrreicher Krimi. Im letzten Abschnitt will er partout kein Ende finden und bringt sich damit um einen knackigen Abschluss.

Der zerdehnten Enthüllungsdramaturgie ist es aber zu verdanken, dass die Diskussion über den Cyberwar während der zweistündigen Dauer viele interessante Abzweigungen nimmt. Ist doch so viel mehr in diesem Begriff enthalten als nur die Stuxnet-Affäre. In Bezug auf die größere politische Debatte etwa kommt der Auftritt einer nur verfremdet dargestellten Frau zum Tragen, die mit Wissen aus dem Inneren der NSA preisgibt, dass der Geheimdienst noch während der Obama-Administration ohne demokratische Legitimation an einem Generalschlag gegen Iran gearbeitet habe. Man schluckt, wenn man so etwas hört, und muss sich eingestehen: Die Regeln und Grenzen von Computerkriegen werden in der Öffentlichkeit bisher kaum diskutiert.

Die journalistische Sprengkraft von »Zero Days« hängt an der Glaubwürdigkeit solcher Zeugen, da weder die USA noch Israel sich bisher offiziell zu Stuxnet bekannt haben. Trotzdem drängt sich die Evidenz des Themas auf. Immerhin hat das amerikanische Militär kürzlich erklärt, mit Cyberwaffen gegen den sogenannten Islamischen Staat vorgehen zu wollen. Technischem Wettrüsten dieser Art muss man mit Gibneys Film skeptisch gegenübertreten. Denn auch die Dynamik von Erstschlag und Gegenschlag kann man an der Attacke auf Natans nachvollziehen: Iran baute seine Uranwirtschaft danach erst richtig aus.

  • Zero Days
  • USA 2016
  • 116 Minuten
  • Regie Alex Gibney
  • Produktion Alex Gibney, Olga Kuchmenko, Marc Shmuger
  • Drehbuch Alex Gibney
  • Kamera Antonio Rossi, Avner Shahaf, Brett Wiley
  • Schnitt Andy Grieve, Hannah Vanderlan
  • Musik Will Bates
  • Darsteller David E. Sanger, Eugene Kaspersky, Michael Hayden, Olli Heinonen, Richard A. Clarke

von Jonathan Horstmann
am 5. September 2016

© Maximilian Oehme

Im Cyberwar

Hacker sind die neuen Soldaten. Eine Doku auf der Berlinale zeigt, wie sie die Systeme feindlicher Nationalstaaten mit aggressiven Computercodes angreifen.

Ein militärischer Angriff in Iran? Die Machtkämpfe in Nahost unter der Präsidentschaft von George W. Bush sind bekannt, doch von einer US-Attacke auf die Urananreicherungsanlage im iranischen Natans werden die meisten bisher noch nichts gehört haben. Mit dem Film »Zero Days« rollt der Dokumentarfilmer Alex Gibney den Vorfall jetzt auf. Vor seiner Kamera tragen Internetspezialisten, Journalisten, Politiker und Geheimdienstmitarbeiter Indizien dafür zusammen, dass die USA aggressive Computercodes entwickeln und gegen die digitale Infrastruktur anderer Staaten einsetzen. Die erhellende Investigativrecherche macht dem Dokumentarfilmgenre alle Ehre. Auf der Berlinale lief sie im vergangenen Frühjahr im Wettbewerb.

Jeder, dem das Schlagwort »Stuxnet« etwas sagt, erinnert sich an das so bezeichnete Computervirus von 2009. Seine Struktur sorgte bei Experten für Verblüffung, da der Code ungewöhnlich komplex und frei von Bugs war. Diese Merkmale sprechen gegen private Programmierer und für ressourcenstarke Auftraggeber – zum Beispiel einen Nationalstaat. Ein paar Personen aus der internationalen Hackerszene, die das schon früh vermuteten, kommen im ersten Kapitel des Films zu Wort. Die Interviews mit ihnen sind der Auftakt für eine journalistische Spurensuche. Sie kreist um Herkunft und Angriffsziel des Internetwurms und identifiziert zügig die amerikanischen und israelischen Geheimdienste als Urheber.

Von Stuxnet aus befördert Gibney uns mit Tempo in die Vergangenheit. Insider verschiedener Nationalitäten erklären Zusammenhänge des Virus mit dem Sabotageprogramm »Olympic Games« – einer Malware, mit der im iranischen Natans der Defekt eines Elektromotors herbeigeführt wurde und Reihen von Uranzentrifugen zum Kollabieren gebracht wurden. Durch einen technischen Fehler flog das Virus später auf und geriet ins Internet. Was als geheimdienstlich entwickelter Störer mit fest definiertem Ziel begann, befiel am Ende sogar private Rechner auf der ganzen Welt.

Es ist grundsätzlich nicht einfach, eine solche Geschichte für Laien zu erzählen und zu bebildern. Der Regisseur, der sich auch als Drehbuchautor und Produzent betätigte, macht seine Sache gut. Das Problem der Undarstellbarkeit eines Computerprogramms löst er durch den Einsatz animierter Grafiken, die den außergewöhnlichen Aufbau des Virus anschaulich machen. Die Vorgänge in Natans, dem Tatort der Spionage-Geschichte, werden von seinen Interviewpartnern mal als »talking heads«, mal als Stimmen aus dem Off rekonstruiert und mit Fernseharchivmaterial zusammenmontiert. Es ist ein durchweg spannender und lehrreicher Krimi. Im letzten Abschnitt will er partout kein Ende finden und bringt sich damit um einen knackigen Abschluss.

Der zerdehnten Enthüllungsdramaturgie ist es aber zu verdanken, dass die Diskussion über den Cyberwar während der zweistündigen Dauer viele interessante Abzweigungen nimmt. Ist doch so viel mehr in diesem Begriff enthalten als nur die Stuxnet-Affäre. In Bezug auf die größere politische Debatte etwa kommt der Auftritt einer nur verfremdet dargestellten Frau zum Tragen, die mit Wissen aus dem Inneren der NSA preisgibt, dass der Geheimdienst noch während der Obama-Administration ohne demokratische Legitimation an einem Generalschlag gegen Iran gearbeitet habe. Man schluckt, wenn man so etwas hört, und muss sich eingestehen: Die Regeln und Grenzen von Computerkriegen werden in der Öffentlichkeit bisher kaum diskutiert.

Die journalistische Sprengkraft von »Zero Days« hängt an der Glaubwürdigkeit solcher Zeugen, da weder die USA noch Israel sich bisher offiziell zu Stuxnet bekannt haben. Trotzdem drängt sich die Evidenz des Themas auf. Immerhin hat das amerikanische Militär kürzlich erklärt, mit Cyberwaffen gegen den sogenannten Islamischen Staat vorgehen zu wollen. Technischem Wettrüsten dieser Art muss man mit Gibneys Film skeptisch gegenübertreten. Denn auch die Dynamik von Erstschlag und Gegenschlag kann man an der Attacke auf Natans nachvollziehen: Iran baute seine Uranwirtschaft danach erst richtig aus.

  • Zero Days
  • USA 2016
  • 116 Minuten
  • Regie Alex Gibney
  • Produktion Alex Gibney, Olga Kuchmenko, Marc Shmuger
  • Drehbuch Alex Gibney
  • Kamera Antonio Rossi, Avner Shahaf, Brett Wiley
  • Schnitt Andy Grieve, Hannah Vanderlan
  • Musik Will Bates
  • Darsteller David E. Sanger, Eugene Kaspersky, Michael Hayden, Olli Heinonen, Richard A. Clarke