Dumme Nüsse

Die neue Komödie von Peter Bogdanovich ist nicht halb so lustig, wie ihr Titel verspricht. Am meisten nervt der Eichhörnchen-Gag.

Dass jeder Film, der seine Zuschauer zum Lachen bringen will, erst einmal Vorschuss-Sympathie verdient, ist eine Selbstverständlichkeit. Gerade im Unterhaltungsgenre lassen sich kleine Unstimmigkeiten verzeihen, wenn sie nicht weiter ins Gewicht fallen. Die meisten Komödien von Peter Bogdanovich muss man aus einer solchen Haltung heraus beurteilen. Seit den Siebzigerjahren bemüht sich der versierte Drehbuchautor und Regisseur, in seinen Komödien jene geistreichen Schlagabtäusche wiederzubeleben, bei denen jeder gleich an Cary Grant und Doris Day denkt. Damit hat er mindestens so oft daneben gelegen wie Erfolg gehabt. Man könnte auch sagen, dass er mit Ausnahme von von »What’s Up, Doc?« eigentlich immer daneben lag. Doch obwohl das bekannt ist und obwohl Bogdanovichs Oscar-Hits »The Last Picture Show« und »The Mask« belegen, wie viel ausgegorener sein Werk wäre, wenn er einfach öfter dramatische Stoffe inszenieren würde, konnte man unter dem Vorsatz, 90 Minuten lang das Alberne zu feiern, früher sogar Rohrkrepierern wie »Illegally Yours« spaßige Momente abgewinnen.

Nun aber kommt Bogdanovich nach jahrelanger Schaffenspause mit einem Film um die Ecke, der nicht einmal mit Wohlwollen funktioniert, obwohl sein Titel Lustiges verspricht: »She’s Funny That Way« firmiert hierzulande als »Broadway Therapy« und gibt sich als perfekter New-York-Film: urbane Kulisse, betuchte Protagonisten, frivoles Personengeflecht. Die Besetzung weckt Erinnerungen an »Friends« (Jennifer Aniston), das jüngere Woody-Allen-Kino (Owen Wilson) und sogar »Notting Hill« (Rhys Ifans). Gar nicht schlecht. Fast 15 Jahre soll Bogdanovich an dem Konzept herumgewerkelt haben. Doch 15 Minuten im Kino reichen, um zu erkennen, dass das Ergebnis missglückt ist. Es lacht schließlich keiner.

Der offensichtlichste Grund dafür ist, dass schon die Ausgangssituation der Geschichte eine Spur zu schlüpfrig geraten ist, um sie besonders amüsant zu finden. Das Callgirl Izzy (Imogen Boots) nimmt uns mit in seinen Alltag. Sie hofft auf ihren Durchbruch als Theaterschauspielerin und hält die meisten ihrer Freier, die sie einstweilen finanzieren, seltsamerweise für sehr romantisch. Vielleicht, weil sie trotz der üblichen Vorbehalte gegen das horizontale Gewerbe viel Glück mit ihnen hat. Arnold (Owen Wilson) etwa führt sie erst zum Essen aus, lässt den Sex im Anschluss voller Rücksicht »detailreich« ausfallen (?!) und schenkt ihr obendrein 30.000 Dollar. Izzy ist verzaubert – und staunt nicht schlecht, ihren Gönner dann schon am Folgetag wiederzusehen, als sie für ein Broadway-Stück vorspricht, als dessen Regisseur er sich entpuppt. Arnolds Frau Delta (Kathryn Hahn) mischt daran ebenfalls mit und ist von der jungen Kollegin begeistert, bis sie dahinterkommt, woher sie und ihr Mann einander kennen.

»Hookers with a golden heart« kennen wir aus »Pretty Woman« und anderswoher. An ihnen entspinnt sich eine Fantasie weiblicher Reinheit, die durch den Beruf zwar befleckt ist, aber nur auf Zeit. Frauen wie Izzy sind nach der Logik herkömmlicher Erzählungen daher zu polieren und vom Makel ihrer Branche zu befreien. Ein finanzkräftiger Künstler wie Arnold muss sie retten und sich dafür selbst auf die Schulter klopfen. Dieses Klischee arbeitet von vornherein dagegen, dass Izzy als autonomer Charakter eine Chance bekommt. Ach, für sie ist das Bezahlt- und Protegiertwerden pure Großstadtmagie! Schon lässt sie sich nach ihrem Vorsprechen vom nächsten Verehrer angraben. Sie habe ihn da oben auf der Bühne beeindruckt, raunt der Dramaturg Joshua (Will Forte). Ob sie später italienisch mit ihm essen gehen wolle?

Natürlich will Izzy. Und das Publikum hofft, jetzt endlich ein paar lustige Szenen zu erleben. Bei besagtem Italiener treffen sich nämlich zur selben Zeit noch drei andere Paare: Arnold und Delta, Deltas Verehrer Seth (Rhys Ifans) und eine Begleiterin sowie Joshuas Ex-Freundin und Therapeutin Jane (Jennifer Aniston) mit ihrem Klienten Pendergast (Austin Pendleton), der eigentlich ein Auge auf Izzy geworfen hat. Die typisch verrückte Konstellation einer Screwball-Komödie. Wer »What’s Up, Doc?« kennt, wird sich erinnern, welch absurde Slapstick-Szenen und Dialoge Bogdanovich sich für solche Tischgemeinschaften schon einfallen ließ. Doch diesmal zieht er die Nummer nicht durch. Statt zwischen Töpfen und Tellern ein heilloses Tohuwabohu der Enthüllungen, Anschuldigungen und Verwechslungen zu veranstalten, lässt er nur ein paar Kellner stolpern, bevor die Hälfte der Charaktere schon wieder urplötzlich und ganz ohne Verwicklungen das Restaurant verlässt. Der erhoffte Spaß verpufft, bevor er Fahrt aufnehmen kann.

Der Regisseur weiß auch mit anderen Schauplätzen nichts anzufangen. Einst lotete er meisterhaft das komische Potenzial von Hotelzimmern aus. Nun versteckt er eine Frau nur halbherzig hinter dem Duschvorhang, wenn die Ehefrau ihres Bettgefährten die beiden in flagranti erwischt, und lässt sie im nächsten Moment durch ein klingelndes Handy auffliegen. Hoho, diese tückische moderne Technik. Ob es an Bodanovichs fortgeschrittenem Alter liegt, dass er uns ständig mit misslauniger Medienschelte behelligt? Alles von Smartphones (»Mach doch mal einer das Handy aus – oh, es ist meins!«), über Reality-TV (»Wer braucht schon Kabelfernsehen, um Hausfrauen beim Streiten zuzusehen?«) bis hin zu Broadway-Hits (»Die Leute sind offenbar nur noch an tanzenden Löwen und singenden Mormonen interessiert«) bekommt sein Fett weg. Fangen wir gar nicht erst von dem Running Gag über Nüsse und Eichhörnchen an, den das Drehbuch wie eine Trophäe aus der Videothek vor sich herträgt, bis irgendwann aufgelöst wird, dass er der Lubitsch-Komödie »Cluny Brown« entliehen ist.

Die Schauspieler können diesen altbackenen Humor nicht retten. Jennifer Aniston bemüht sich noch am meisten, die Dämlichkeiten ihrer Rolle als Therapeutin zu überspielen und eine originelle Figur zu kreieren. Doch sie hat keine Chance. Zu verhunzt ist jeder Dialog, zu verschleppt das Timing. Die Schuld daran trägt Bogdanovich selbst, der keinen zeitgemäßen Nerv trifft. Das Konzept für seine Komödie hatte sich einfach schon überlebt, bevor es vor 15 Jahren erfunden wurde.

  • She’s Funny That Way
  • Broadway Therapy
  • USA 2014
  • 93 Minuten
  • Regie Peter Bogdanovich
  • Produktion Wes Anderson, Noah Baumbach, George Drakoulias, Logan Levy, Holly Wiersma
  • Drehbuch Louise Stratten, Peter Bogdanovich
  • Kamera Yaron Orbach
  • Schnitt Nick Moore, Pax Wassermann
  • Musik Edward Shearmur
  • Darsteller Owen Wilson, Imogen Poots, Kathryn Hahn, Will Forte, Rhys Ifans, Jennifer Aniston

von Jonathan Horstmann
am 5. September 2016

© Maximilian Oehme

Dumme Nüsse

Die neue Komödie von Peter Bogdanovich ist nicht halb so lustig, wie ihr Titel verspricht. Am meisten nervt der Eichhörnchen-Gag.

Dass jeder Film, der seine Zuschauer zum Lachen bringen will, erst einmal Vorschuss-Sympathie verdient, ist eine Selbstverständlichkeit. Gerade im Unterhaltungsgenre lassen sich kleine Unstimmigkeiten verzeihen, wenn sie nicht weiter ins Gewicht fallen. Die meisten Komödien von Peter Bogdanovich muss man aus einer solchen Haltung heraus beurteilen. Seit den Siebzigerjahren bemüht sich der versierte Drehbuchautor und Regisseur, in seinen Komödien jene geistreichen Schlagabtäusche wiederzubeleben, bei denen jeder gleich an Cary Grant und Doris Day denkt. Damit hat er mindestens so oft daneben gelegen wie Erfolg gehabt. Man könnte auch sagen, dass er mit Ausnahme von von »What’s Up, Doc?« eigentlich immer daneben lag. Doch obwohl das bekannt ist und obwohl Bogdanovichs Oscar-Hits »The Last Picture Show« und »The Mask« belegen, wie viel ausgegorener sein Werk wäre, wenn er einfach öfter dramatische Stoffe inszenieren würde, konnte man unter dem Vorsatz, 90 Minuten lang das Alberne zu feiern, früher sogar Rohrkrepierern wie »Illegally Yours« spaßige Momente abgewinnen.

Nun aber kommt Bogdanovich nach jahrelanger Schaffenspause mit einem Film um die Ecke, der nicht einmal mit Wohlwollen funktioniert, obwohl sein Titel Lustiges verspricht: »She’s Funny That Way« firmiert hierzulande als »Broadway Therapy« und gibt sich als perfekter New-York-Film: urbane Kulisse, betuchte Protagonisten, frivoles Personengeflecht. Die Besetzung weckt Erinnerungen an »Friends« (Jennifer Aniston), das jüngere Woody-Allen-Kino (Owen Wilson) und sogar »Notting Hill« (Rhys Ifans). Gar nicht schlecht. Fast 15 Jahre soll Bogdanovich an dem Konzept herumgewerkelt haben. Doch 15 Minuten im Kino reichen, um zu erkennen, dass das Ergebnis missglückt ist. Es lacht schließlich keiner.

Der offensichtlichste Grund dafür ist, dass schon die Ausgangssituation der Geschichte eine Spur zu schlüpfrig geraten ist, um sie besonders amüsant zu finden. Das Callgirl Izzy (Imogen Boots) nimmt uns mit in seinen Alltag. Sie hofft auf ihren Durchbruch als Theaterschauspielerin und hält die meisten ihrer Freier, die sie einstweilen finanzieren, seltsamerweise für sehr romantisch. Vielleicht, weil sie trotz der üblichen Vorbehalte gegen das horizontale Gewerbe viel Glück mit ihnen hat. Arnold (Owen Wilson) etwa führt sie erst zum Essen aus, lässt den Sex im Anschluss voller Rücksicht »detailreich« ausfallen (?!) und schenkt ihr obendrein 30.000 Dollar. Izzy ist verzaubert – und staunt nicht schlecht, ihren Gönner dann schon am Folgetag wiederzusehen, als sie für ein Broadway-Stück vorspricht, als dessen Regisseur er sich entpuppt. Arnolds Frau Delta (Kathryn Hahn) mischt daran ebenfalls mit und ist von der jungen Kollegin begeistert, bis sie dahinterkommt, woher sie und ihr Mann einander kennen.

»Hookers with a golden heart« kennen wir aus »Pretty Woman« und anderswoher. An ihnen entspinnt sich eine Fantasie weiblicher Reinheit, die durch den Beruf zwar befleckt ist, aber nur auf Zeit. Frauen wie Izzy sind nach der Logik herkömmlicher Erzählungen daher zu polieren und vom Makel ihrer Branche zu befreien. Ein finanzkräftiger Künstler wie Arnold muss sie retten und sich dafür selbst auf die Schulter klopfen. Dieses Klischee arbeitet von vornherein dagegen, dass Izzy als autonomer Charakter eine Chance bekommt. Ach, für sie ist das Bezahlt- und Protegiertwerden pure Großstadtmagie! Schon lässt sie sich nach ihrem Vorsprechen vom nächsten Verehrer angraben. Sie habe ihn da oben auf der Bühne beeindruckt, raunt der Dramaturg Joshua (Will Forte). Ob sie später italienisch mit ihm essen gehen wolle?

Natürlich will Izzy. Und das Publikum hofft, jetzt endlich ein paar lustige Szenen zu erleben. Bei besagtem Italiener treffen sich nämlich zur selben Zeit noch drei andere Paare: Arnold und Delta, Deltas Verehrer Seth (Rhys Ifans) und eine Begleiterin sowie Joshuas Ex-Freundin und Therapeutin Jane (Jennifer Aniston) mit ihrem Klienten Pendergast (Austin Pendleton), der eigentlich ein Auge auf Izzy geworfen hat. Die typisch verrückte Konstellation einer Screwball-Komödie. Wer »What’s Up, Doc?« kennt, wird sich erinnern, welch absurde Slapstick-Szenen und Dialoge Bogdanovich sich für solche Tischgemeinschaften schon einfallen ließ. Doch diesmal zieht er die Nummer nicht durch. Statt zwischen Töpfen und Tellern ein heilloses Tohuwabohu der Enthüllungen, Anschuldigungen und Verwechslungen zu veranstalten, lässt er nur ein paar Kellner stolpern, bevor die Hälfte der Charaktere schon wieder urplötzlich und ganz ohne Verwicklungen das Restaurant verlässt. Der erhoffte Spaß verpufft, bevor er Fahrt aufnehmen kann.

Der Regisseur weiß auch mit anderen Schauplätzen nichts anzufangen. Einst lotete er meisterhaft das komische Potenzial von Hotelzimmern aus. Nun versteckt er eine Frau nur halbherzig hinter dem Duschvorhang, wenn die Ehefrau ihres Bettgefährten die beiden in flagranti erwischt, und lässt sie im nächsten Moment durch ein klingelndes Handy auffliegen. Hoho, diese tückische moderne Technik. Ob es an Bodanovichs fortgeschrittenem Alter liegt, dass er uns ständig mit misslauniger Medienschelte behelligt? Alles von Smartphones (»Mach doch mal einer das Handy aus – oh, es ist meins!«), über Reality-TV (»Wer braucht schon Kabelfernsehen, um Hausfrauen beim Streiten zuzusehen?«) bis hin zu Broadway-Hits (»Die Leute sind offenbar nur noch an tanzenden Löwen und singenden Mormonen interessiert«) bekommt sein Fett weg. Fangen wir gar nicht erst von dem Running Gag über Nüsse und Eichhörnchen an, den das Drehbuch wie eine Trophäe aus der Videothek vor sich herträgt, bis irgendwann aufgelöst wird, dass er der Lubitsch-Komödie »Cluny Brown« entliehen ist.

Die Schauspieler können diesen altbackenen Humor nicht retten. Jennifer Aniston bemüht sich noch am meisten, die Dämlichkeiten ihrer Rolle als Therapeutin zu überspielen und eine originelle Figur zu kreieren. Doch sie hat keine Chance. Zu verhunzt ist jeder Dialog, zu verschleppt das Timing. Die Schuld daran trägt Bogdanovich selbst, der keinen zeitgemäßen Nerv trifft. Das Konzept für seine Komödie hatte sich einfach schon überlebt, bevor es vor 15 Jahren erfunden wurde.

  • She’s Funny That Way
  • Broadway Therapy
  • USA 2014
  • 93 Minuten
  • Regie Peter Bogdanovich
  • Produktion Wes Anderson, Noah Baumbach, George Drakoulias, Logan Levy, Holly Wiersma
  • Drehbuch Louise Stratten, Peter Bogdanovich
  • Kamera Yaron Orbach
  • Schnitt Nick Moore, Pax Wassermann
  • Musik Edward Shearmur
  • Darsteller Owen Wilson, Imogen Poots, Kathryn Hahn, Will Forte, Rhys Ifans, Jennifer Aniston