Cowboy auf Bildungsreise

Steve McQueen als rauer Wüstensohn – das passt. Für die Rolle eines Halbstarken war er nur schon ein bisschen zu alt.

In der Reihe der vielen Westernstars, die das amerikanische Kino hervorgebracht hat, steht Steve McQueen an vorletzter Stelle. Hatte er sich zu Beginn der Sechzigerjahre mit »The Magnificent Seven« und der Fernsehserie »Wanted Dead or Alive« überaus erfolgreich in den Sattel geschwungen, kam ihm von hier aus die undankbare Rolle zu, das altgediente Genre-Schlachtross des Westerns unaufhörlich totzureiten. Ein letztes Mal bäumte es sich nach ihm noch unter Clint Eastwood auf. Dann verschwand es völlig von der Leinwand. Die Filmemacher des New Hollywood (mit prominenter Ausnahme von Sam Peckinpah) erzählten ab 1970 so gut wie keine Wildwestgeschichten mehr.

Dass die Popularität des Westerns zu McQueens Zeit immer noch vorhielt und gleichzeitig schon auszuklingen begann, war dem Zeitgeist geschuldet. Mit mangelndem Talent hatte es nichts zu tun. Schließlich passte der begnadete Schauspieler hervorragend in die archetypische Rolle des Cowboys. Nur sich selbst verpflichtet und in Schweigsamkeit gehüllt – man nahm ihm diese Attitüde viel eher ab als John Wayne, der sie auf seinem gutartigen, mitteilungswilligen Gesicht eher wie eine schlecht sitzende Maske trug. So wie die von McQueen verkörperten Männer müssen die ersten Siedler in der amerikanischen Wüste wirklich gewesen sein: rau und zäh, entschlossen und angstlos, ungebildet und einfältig. Hartgesottene Einzelgänger ohne Ambitionen hinsichtlich einer kontinentalen Vergesellschaftung. Irgendwie charmant, aber mit einer sehr rudimentären Treue- und Vergeltungsmoral. Für all das steht auch die Hauptfigur in »Nevada Smith«, Max Sand. Es kann nicht unerwähnt bleiben, dass er ein besonders junger Mann sein soll, McQueen also mindestens 15 Jahre zu alt für die Rolle war.

Aber weiter im Text: Max will Rache an den Mördern seiner Indianermutter und seines weißen Vaters üben, die in ihrem Haus auf dem kalifornischen Land heimtückisch umgelegt wurden. Willensstark ist der Junge auch, aber er hat weder die Aggression, das Strategiedenken noch die Intelligenz für ein solches Unterfangen. Stört es ihn? Keineswegs. Schon nimmt er die Fährte der Übeltäter auf, legt Meile um Meile durch die Wüste zurück. Versucht, sich den Schwierigkeiten zu stellen, die zahlreich über ihn hereinbrechen, angefangen damit, dass er weder lesen noch schießen kann. So wie Max hat wohl jeder Cowboy irgendwann angefangen. Er steckt als Kind im Körper eines Mannes, und Steve McQueen steckt als Mann in diesem Kind.

Die Dramaturgie des Films gewährt ihm zwei – etwas zu lange – Stunden, um in der Begegnung mit Nebendarstellern wie Martin Landau und Karl Malden eine Realitätsschule zu durchlaufen. Lässt den Einfältigen Stück für Stück seine männlichen Unzulänglichkeiten überwinden. Es wäre doch gelacht, wenn er die Handhabung einer Pistole nicht erlernen könnte! Wenn er, obgleich aufgewachsen außerhalb komplexer Sozialstrukturen, sich nicht zivilisieren könnte in den einschlägigen Sphären des jungen Amerikas, durch die ihn sein Weg führt: Prostitution und Gefängnis, Viehzucht und Waffenhandel, Zeitungsdruck und Missionsbewegung. Wie ein Schwamm saugt Max überall etwas Weltwissen auf. So gerät sein Rachefeldzug zur Bildungsreise. Aus dem Wilden wird ein Mensch.

Im amerikanischen Süden lässt Drehbuchautor John Michael Hayes (»Rear Window«) Max auf einen wohlmeinenden Priester treffen, der das Halbblut christlich erziehen will und ihm dazu eine Bibel aushändigt. Natürlich gibt es hier, jenseits des Wilden Westens, keine Moral ohne Jesus Christus. Aber dann die Pointe: Gleich am nächsten Tag verkündet Max dem Gottesmann, er habe eine interessante Stelle in seinem Buch gefunden: »Auge um Auge.« Diese Idee ist witzig, weil man sie als Persiflage auf eine amerikanische Hegemonialkultur verstehen kann, in der Frieden gepredigt und Gewalt gelebt wird. Zivilisationsbekenntnis und -kritik treten in diesem Moment der Historie, in dem die Vereinigten Staaten ja gerade erst im Entstehen begriffen sind, bereits ineinander verschränkt auf. Man könnte auch sagen: Entgegen einer humanistischen Intuition bestätigt Max’ gesellschaftliche Domestizierung ihn darin, sein archaisches Bedürfnis nach Genugtuung zu verfolgen.

Verblüffend schön hält die Kamera von Lucien Ballard (»True Grit«) derweil die Sümpfe von Louisiana und andere Landschaften fest, fängt markante Porträts ein. Ein Panorama des amerikanischen Kontinents mit seinen unterschiedlichen Klimazonen und Lebensformen entfaltet sich. Auch Actionfreunde geraten ins Staunen. Denn natürlich wird in diesem Western geschossen und geritten, geblutet und geflucht. Stunts wie eine Rinderherde, die Max buchstäblich überrennt, und der Sturz eines Reiters im Showdown sorgen für die spektakulärsten Schauwerte. Fotografisch wie erzählerisch sticht auch die längere Episode in einem Straflager heraus, wo eine von den Konventionen des Westerns gelöste Liebesgeschichte als »Film im Film« einen zeitweiligen Stimmungswechsel ins Melodramatische erzeugt.

Es ist schade, dass Steve McQueen später in seiner Karriere keine weiteren Erfolge mit Cowboy-Rollen feiern konnte. Und dann wiederum hatte er es nach »Nevada Smith« gar nicht nötig. Seine leicht verhuschte Körpersprache, sein Spiel mit der Zurückhaltung, seine Art zu sprechen, als bilde er jeden Satz Wort für Wort nacheinander, all das ist in diesem Film festgehalten.

  • Nevada Smith
  • USA 1966
  • 128 Minuten
  • Regie Henry Hathaway
  • Produktion Henry Hathaway, Joseph E. Levine
  • Drehbuch John Michael Hayes
  • Vorlage »The Carpetbaggers« von Harold Robbins
  • Kamera Lucien Ballard
  • Schnitt Frank Bracht
  • Musik Alfred Newman
  • Darsteller Steve McQueen, Karl Malden, Brian Keith, Martin Landau, Arthur Kennedy, Suzanne Pleshette, Raf Vallone

von Jonathan Horstmann
am 5. September 2016

© Maximilian Oehme

Cowboy auf Bildungsreise

Steve McQueen als rauer Wüstensohn – das passt. Für die Rolle eines Halbstarken war er nur schon ein bisschen zu alt.

In der Reihe der vielen Westernstars, die das amerikanische Kino hervorgebracht hat, steht Steve McQueen an vorletzter Stelle. Hatte er sich zu Beginn der Sechzigerjahre mit »The Magnificent Seven« und der Fernsehserie »Wanted Dead or Alive« überaus erfolgreich in den Sattel geschwungen, kam ihm von hier aus die undankbare Rolle zu, das altgediente Genre-Schlachtross des Westerns unaufhörlich totzureiten. Ein letztes Mal bäumte es sich nach ihm noch unter Clint Eastwood auf. Dann verschwand es völlig von der Leinwand. Die Filmemacher des New Hollywood (mit prominenter Ausnahme von Sam Peckinpah) erzählten ab 1970 so gut wie keine Wildwestgeschichten mehr.

Dass die Popularität des Westerns zu McQueens Zeit immer noch vorhielt und gleichzeitig schon auszuklingen begann, war dem Zeitgeist geschuldet. Mit mangelndem Talent hatte es nichts zu tun. Schließlich passte der begnadete Schauspieler hervorragend in die archetypische Rolle des Cowboys. Nur sich selbst verpflichtet und in Schweigsamkeit gehüllt – man nahm ihm diese Attitüde viel eher ab als John Wayne, der sie auf seinem gutartigen, mitteilungswilligen Gesicht eher wie eine schlecht sitzende Maske trug. So wie die von McQueen verkörperten Männer müssen die ersten Siedler in der amerikanischen Wüste wirklich gewesen sein: rau und zäh, entschlossen und angstlos, ungebildet und einfältig. Hartgesottene Einzelgänger ohne Ambitionen hinsichtlich einer kontinentalen Vergesellschaftung. Irgendwie charmant, aber mit einer sehr rudimentären Treue- und Vergeltungsmoral. Für all das steht auch die Hauptfigur in »Nevada Smith«, Max Sand. Es kann nicht unerwähnt bleiben, dass er ein besonders junger Mann sein soll, McQueen also mindestens 15 Jahre zu alt für die Rolle war.

Aber weiter im Text: Max will Rache an den Mördern seiner Indianermutter und seines weißen Vaters üben, die in ihrem Haus auf dem kalifornischen Land heimtückisch umgelegt wurden. Willensstark ist der Junge auch, aber er hat weder die Aggression, das Strategiedenken noch die Intelligenz für ein solches Unterfangen. Stört es ihn? Keineswegs. Schon nimmt er die Fährte der Übeltäter auf, legt Meile um Meile durch die Wüste zurück. Versucht, sich den Schwierigkeiten zu stellen, die zahlreich über ihn hereinbrechen, angefangen damit, dass er weder lesen noch schießen kann. So wie Max hat wohl jeder Cowboy irgendwann angefangen. Er steckt als Kind im Körper eines Mannes, und Steve McQueen steckt als Mann in diesem Kind.

Die Dramaturgie des Films gewährt ihm zwei – etwas zu lange – Stunden, um in der Begegnung mit Nebendarstellern wie Martin Landau und Karl Malden eine Realitätsschule zu durchlaufen. Lässt den Einfältigen Stück für Stück seine männlichen Unzulänglichkeiten überwinden. Es wäre doch gelacht, wenn er die Handhabung einer Pistole nicht erlernen könnte! Wenn er, obgleich aufgewachsen außerhalb komplexer Sozialstrukturen, sich nicht zivilisieren könnte in den einschlägigen Sphären des jungen Amerikas, durch die ihn sein Weg führt: Prostitution und Gefängnis, Viehzucht und Waffenhandel, Zeitungsdruck und Missionsbewegung. Wie ein Schwamm saugt Max überall etwas Weltwissen auf. So gerät sein Rachefeldzug zur Bildungsreise. Aus dem Wilden wird ein Mensch.

Im amerikanischen Süden lässt Drehbuchautor John Michael Hayes (»Rear Window«) Max auf einen wohlmeinenden Priester treffen, der das Halbblut christlich erziehen will und ihm dazu eine Bibel aushändigt. Natürlich gibt es hier, jenseits des Wilden Westens, keine Moral ohne Jesus Christus. Aber dann die Pointe: Gleich am nächsten Tag verkündet Max dem Gottesmann, er habe eine interessante Stelle in seinem Buch gefunden: »Auge um Auge.« Diese Idee ist witzig, weil man sie als Persiflage auf eine amerikanische Hegemonialkultur verstehen kann, in der Frieden gepredigt und Gewalt gelebt wird. Zivilisationsbekenntnis und -kritik treten in diesem Moment der Historie, in dem die Vereinigten Staaten ja gerade erst im Entstehen begriffen sind, bereits ineinander verschränkt auf. Man könnte auch sagen: Entgegen einer humanistischen Intuition bestätigt Max’ gesellschaftliche Domestizierung ihn darin, sein archaisches Bedürfnis nach Genugtuung zu verfolgen.

Verblüffend schön hält die Kamera von Lucien Ballard (»True Grit«) derweil die Sümpfe von Louisiana und andere Landschaften fest, fängt markante Porträts ein. Ein Panorama des amerikanischen Kontinents mit seinen unterschiedlichen Klimazonen und Lebensformen entfaltet sich. Auch Actionfreunde geraten ins Staunen. Denn natürlich wird in diesem Western geschossen und geritten, geblutet und geflucht. Stunts wie eine Rinderherde, die Max buchstäblich überrennt, und der Sturz eines Reiters im Showdown sorgen für die spektakulärsten Schauwerte. Fotografisch wie erzählerisch sticht auch die längere Episode in einem Straflager heraus, wo eine von den Konventionen des Westerns gelöste Liebesgeschichte als »Film im Film« einen zeitweiligen Stimmungswechsel ins Melodramatische erzeugt.

Es ist schade, dass Steve McQueen später in seiner Karriere keine weiteren Erfolge mit Cowboy-Rollen feiern konnte. Und dann wiederum hatte er es nach »Nevada Smith« gar nicht nötig. Seine leicht verhuschte Körpersprache, sein Spiel mit der Zurückhaltung, seine Art zu sprechen, als bilde er jeden Satz Wort für Wort nacheinander, all das ist in diesem Film festgehalten.

  • Nevada Smith
  • USA 1966
  • 128 Minuten
  • Regie Henry Hathaway
  • Produktion Henry Hathaway, Joseph E. Levine
  • Drehbuch John Michael Hayes
  • Vorlage »The Carpetbaggers« von Harold Robbins
  • Kamera Lucien Ballard
  • Schnitt Frank Bracht
  • Musik Alfred Newman
  • Darsteller Steve McQueen, Karl Malden, Brian Keith, Martin Landau, Arthur Kennedy, Suzanne Pleshette, Raf Vallone