Heilsamer Abschied

Ein Verstorbener kehrt zu seiner Ehefrau zurück, um reinen Tisch zu machen. In sehr leisen Szenen klingt ihre Zweisamkeit aus.

An einem Abend steht plötzlich der Geist von Yusuke (Tadanobu Asano) im Wohnzimmer, setzt sich an den Esstisch und macht sich über den Nachtisch her. Mizuki (Eri Fukatsu), eine noch recht junge Klavierlehrerin im Ballungsraum von Tokio, trifft dieses unverhoffte Wiedersehen in ihrer Wohnung wie ein Schlag. Seit dem Tod ihres Ehemanns Yusuke vor drei Jahren hat sie gelernt, wieder allein zurechtzukommen, obwohl die Schwermut ihr jeden Tag auf dem Notenpapier ihrer Schüler begegnet. Und nun macht dieser Untote seine Aufwartung, der genauso aussieht und sich anfühlt wie ihr verstorbener Mann und genussvoll ihre frischen Küchlein verspeist. Mizuki legt den Kopf auf seinen Brustkorb, spürt, wie er sich hebt und senkt, als hätte das Herz darunter nie aufgehört zu schlagen. Er sei in seiner alten menschlichen Gestalt im Umland unterwegs gewesen, sagt Yusuke, und wolle ihr ein paar Personen vorstellen, bevor er sich endgültig ins Jenseits verabschiede. Mizuki soll dazu eine Reise ans Meer mit ihm machen.

Sehr zart kommt der neue Film von Kiyoshi Kurosawa, »Journey to the Shore«, nach einer Vorlage von Kazumi Yumoto daher. Gekennzeichnet von einer Poesie der Überzeitlichkeit, lässt er die Ehepartner an den Stationen ihrer Reise aufgeschlossene oder rätselhafte Personen vorfinden, die auffällige Gemeinsamkeiten mit ihnen haben: ein alter Mann, der über den Verlust seiner Ehefrau mit dem Trinken angefangen hat; zwei Wirtsleute; eine Mehrgenerationenfamilie auf dem Land. Sie alle leben mit Trauer, Bedauern, alltäglichen Herausforderungen. Yusuke behauptet, schon früher bei ihnen als Gast abgestiegen zu sein, weshalb man ihn überall wie einen alten Freund begrüßt. Jeder der Gastgeber überrascht Mizuki mit einer persönlichen Geschichte über ihren Mann. Hatte sie vor der Reise geglaubt, schon alles Wesentliche über ihn zu wissen, beginnt sie nun, ihn noch einmal ganz neu zu sehen. Durch die Augen der anderen erfasst sie ihn ganzheitlicher als bisher.

Dabei kommt nicht nur Ehrbares ans Licht. Zum Beispiel muss sie erfahren, dass er sich zu Lebzeiten, während seiner Anstellung im Krankenhaus von Tokio, nach Feierabend heimlich mit einer Kollegin traf, obwohl sie zu Hause auf ihn wartete. Die Enthüllung ist ein ziemlicher Schlag ins Kontor der jungen Frau – gerade jetzt, wo sie sich ihrem Mann wieder nahe fühlte. Allerdings beginnt sie so mit der schrittweisen Aufarbeitung ihrer in vielen Aspekten auch unglücklich verlaufenen Ehe. Sie gewinnt Distanz zu der mit Yusuke geteilten Vergangenheit. Im Gespräch mit seinen Weggefährten – manche davon sind selbst Geister –, bekommt sie weitere Lektionen über das Abschiednehmen erteilt. Ihr dämmert, dass sie ihren Unmut über verpasste Gelegenheiten mit dem Verstorbenen zur Ruhe betten muss, eigene Lebensvollzüge wieder ohne Rücksicht auf seine Belange gestalten darf.

Diese Parabel des Freiwerdens von den Geistern der Vergangenheit passt zum japanischen Volksglauben wie zur Psychoanalyse (die in Japan bekanntlich nicht funktioniert), doch Kurosawa buchstabiert derlei Verweise nicht aus. Statt Mizukis Heilungsprozess in das Korsett eines etablierten Deutungssystems zu pressen, lässt er ihn in seiner Uneindeutigkeit wirken. Manche Begebenheiten scheint die junge Witwe zu träumen, andere tragen sich wirklich zu. Das tiefe und zugleich brüchige Liebesverhältnis zwischen ihr und ihrem Mann, von den Hauptdarstellern kraftvoll vorgetragen, hält den Film trotz zwischenzeitlicher Längen und Ungereimtheiten zusammen. In von opernhafter Musik durchtränkten Momenten stellt sich noch einmal Nähe zwischen beiden ein. Sie genießen still ihr Beisammensein, albern herum, breiten die letzten unerzählten Geschichten voreinander aus. Ihre Reise endet am Pazifik, wo sie in der letzten Szene auf schaukelnde Fischerboote schauen und ihren Frieden miteinander finden.

Unser Universum setzt sich aus winzigen, fast masselosen Teilchen zusammen, die als Nichts die Grundlage für das Ganze abgeben. So formuliert es Yusuke einmal, angelehnt an die Quantenphysik Albert Einsteins. In ähnlicher Weise wird Mizukis Leben, das nun vielleicht auch ohne den früheren Partner glücklich weitergehen kann, bestimmt bleiben von der Erinnerung an ihn und an die Leichtigkeit vieler gemeinsamer Augenblicke. Was sind Yusukes Worte, die flüchtigen Griffe seiner Hand, die Stunden zu zweit und das zaghafte Aufeinanderhören im Rückblick wenig, fast nichts; und doch, über das Gestern und Heute hinaus, so viel.

  • Journey to the Shore
  • JP 2015
  • 128 Minuten
  • Regie Kiyoshi Kurosawa
  • Produktion Hiroshi Endo, Masa Sawada, Hiroko Matsuda, Takehiko Aoki
  • Drehbuch Kiyoshi Kurosawa, Takashi Ujita
  • Vorlage »Kishibe no Tabi« von Kazumi Yumoto
  • Kamera Akiko Ashizawa
  • Schnitt Tsuyoshi Imai
  • Musik Otomo Yoshihide, Naoko Eto
  • Darsteller Tadanobu Asano, Eri Fukatsu, Masao Komatsu, Yu Aoi, Akira Emoto

von Jonathan Horstmann
am 5. September 2016

© Maximilian Oehme

Heilsamer Abschied

Ein Verstorbener kehrt zu seiner Ehefrau zurück, um reinen Tisch zu machen. In sehr leisen Szenen klingt ihre Zweisamkeit aus.

An einem Abend steht plötzlich der Geist von Yusuke (Tadanobu Asano) im Wohnzimmer, setzt sich an den Esstisch und macht sich über den Nachtisch her. Mizuki (Eri Fukatsu), eine noch recht junge Klavierlehrerin im Ballungsraum von Tokio, trifft dieses unverhoffte Wiedersehen in ihrer Wohnung wie ein Schlag. Seit dem Tod ihres Ehemanns Yusuke vor drei Jahren hat sie gelernt, wieder allein zurechtzukommen, obwohl die Schwermut ihr jeden Tag auf dem Notenpapier ihrer Schüler begegnet. Und nun macht dieser Untote seine Aufwartung, der genauso aussieht und sich anfühlt wie ihr verstorbener Mann und genussvoll ihre frischen Küchlein verspeist. Mizuki legt den Kopf auf seinen Brustkorb, spürt, wie er sich hebt und senkt, als hätte das Herz darunter nie aufgehört zu schlagen. Er sei in seiner alten menschlichen Gestalt im Umland unterwegs gewesen, sagt Yusuke, und wolle ihr ein paar Personen vorstellen, bevor er sich endgültig ins Jenseits verabschiede. Mizuki soll dazu eine Reise ans Meer mit ihm machen.

Sehr zart kommt der neue Film von Kiyoshi Kurosawa, »Journey to the Shore«, nach einer Vorlage von Kazumi Yumoto daher. Gekennzeichnet von einer Poesie der Überzeitlichkeit, lässt er die Ehepartner an den Stationen ihrer Reise aufgeschlossene oder rätselhafte Personen vorfinden, die auffällige Gemeinsamkeiten mit ihnen haben: ein alter Mann, der über den Verlust seiner Ehefrau mit dem Trinken angefangen hat; zwei Wirtsleute; eine Mehrgenerationenfamilie auf dem Land. Sie alle leben mit Trauer, Bedauern, alltäglichen Herausforderungen. Yusuke behauptet, schon früher bei ihnen als Gast abgestiegen zu sein, weshalb man ihn überall wie einen alten Freund begrüßt. Jeder der Gastgeber überrascht Mizuki mit einer persönlichen Geschichte über ihren Mann. Hatte sie vor der Reise geglaubt, schon alles Wesentliche über ihn zu wissen, beginnt sie nun, ihn noch einmal ganz neu zu sehen. Durch die Augen der anderen erfasst sie ihn ganzheitlicher als bisher.

Dabei kommt nicht nur Ehrbares ans Licht. Zum Beispiel muss sie erfahren, dass er sich zu Lebzeiten, während seiner Anstellung im Krankenhaus von Tokio, nach Feierabend heimlich mit einer Kollegin traf, obwohl sie zu Hause auf ihn wartete. Die Enthüllung ist ein ziemlicher Schlag ins Kontor der jungen Frau – gerade jetzt, wo sie sich ihrem Mann wieder nahe fühlte. Allerdings beginnt sie so mit der schrittweisen Aufarbeitung ihrer in vielen Aspekten auch unglücklich verlaufenen Ehe. Sie gewinnt Distanz zu der mit Yusuke geteilten Vergangenheit. Im Gespräch mit seinen Weggefährten – manche davon sind selbst Geister –, bekommt sie weitere Lektionen über das Abschiednehmen erteilt. Ihr dämmert, dass sie ihren Unmut über verpasste Gelegenheiten mit dem Verstorbenen zur Ruhe betten muss, eigene Lebensvollzüge wieder ohne Rücksicht auf seine Belange gestalten darf.

Diese Parabel des Freiwerdens von den Geistern der Vergangenheit passt zum japanischen Volksglauben wie zur Psychoanalyse (die in Japan bekanntlich nicht funktioniert), doch Kurosawa buchstabiert derlei Verweise nicht aus. Statt Mizukis Heilungsprozess in das Korsett eines etablierten Deutungssystems zu pressen, lässt er ihn in seiner Uneindeutigkeit wirken. Manche Begebenheiten scheint die junge Witwe zu träumen, andere tragen sich wirklich zu. Das tiefe und zugleich brüchige Liebesverhältnis zwischen ihr und ihrem Mann, von den Hauptdarstellern kraftvoll vorgetragen, hält den Film trotz zwischenzeitlicher Längen und Ungereimtheiten zusammen. In von opernhafter Musik durchtränkten Momenten stellt sich noch einmal Nähe zwischen beiden ein. Sie genießen still ihr Beisammensein, albern herum, breiten die letzten unerzählten Geschichten voreinander aus. Ihre Reise endet am Pazifik, wo sie in der letzten Szene auf schaukelnde Fischerboote schauen und ihren Frieden miteinander finden.

Unser Universum setzt sich aus winzigen, fast masselosen Teilchen zusammen, die als Nichts die Grundlage für das Ganze abgeben. So formuliert es Yusuke einmal, angelehnt an die Quantenphysik Albert Einsteins. In ähnlicher Weise wird Mizukis Leben, das nun vielleicht auch ohne den früheren Partner glücklich weitergehen kann, bestimmt bleiben von der Erinnerung an ihn und an die Leichtigkeit vieler gemeinsamer Augenblicke. Was sind Yusukes Worte, die flüchtigen Griffe seiner Hand, die Stunden zu zweit und das zaghafte Aufeinanderhören im Rückblick wenig, fast nichts; und doch, über das Gestern und Heute hinaus, so viel.

  • Journey to the Shore
  • JP 2015
  • 128 Minuten
  • Regie Kiyoshi Kurosawa
  • Produktion Hiroshi Endo, Masa Sawada, Hiroko Matsuda, Takehiko Aoki
  • Drehbuch Kiyoshi Kurosawa, Takashi Ujita
  • Vorlage »Kishibe no Tabi« von Kazumi Yumoto
  • Kamera Akiko Ashizawa
  • Schnitt Tsuyoshi Imai
  • Musik Otomo Yoshihide, Naoko Eto
  • Darsteller Tadanobu Asano, Eri Fukatsu, Masao Komatsu, Yu Aoi, Akira Emoto