Bullenhitze

Als Polizist, der seine queere Seite entdeckt, spielt sich der Schauspieler Hanno Koffler in neue Höhen. Ein schwuler Liebesfilm ist »Freier Fall« allerdings nicht geworden.

Obwohl Hanno Koffler schon bald 15 Jahre auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen ist, haben die meisten von uns ihn lange nicht richtig wahrgenommen. Zum ersten Mal fiel der Schauspieler mit den Strubbelhaaren in einem Film von Marco Kreuzpaintner auf. »Sommersturm« hieß der, Koffler gab darin den Kapitän eines schwulen Ruderclubs namens »Queerschlag«. Die Rolle ist ein Stereotyp mit dicken Oberarmen und frechen Sprüchen. Dank der gewinnenden Präsenz des Darstellers kann man sich ihr nur schwer entziehen.

Vielleicht liegt darin begründet, warum Koffler, der auch am Theater erfolgreich ist, für Kreuzpaintner und andere Regisseure mittlerweile zur Stammbesetzung gehört, wenn es um Charaktere geht, die sexuell oder verhaltenstechnisch von der Norm abweichen. Als Polizist Marc, dessen junges Familienglück von seiner Affäre mit einem Kollegen sabotiert wird, hat er mit dem Drama »Freier Fall« seine Darstellung devianter Männer auf ein neues Niveau gehoben. Es packt einen, wie er diese Figur verkörpert. Leidenschaftlich, voller Stolz und mit einer in den richtigen Momenten brüchigen Stimme.

Der schon erwähnte Kollege, der Marc den Kopf verdreht, heißt Kay und wird von Max Riemelt gespielt. Beim gemeinsamen Jogging im Wald kommt es zu einem Kuss, woraus schnell – fast etwas unvermittelt – eine stürmische Bettgeschichte entsteht. Sie ist dank der gut gebauten Schauspieler, die häufig nackt zu sehen sind, schon aus oberflächlichen Gründen für viele Zuschauergruppen interessant. Jede Szene, in der die beiden Polizisten übereinander herfallen, sondert eine Bullenhitze ab. Aus dieser Muskel-und-Uniform-Erotik springen die Klischees förmlich heraus, aber man kann sie für den progressiven Umgang mit standardisierten Körperbildern auch loben. (Einige Leute behaupten, inszenierter Sex zwischen Männern sei an sich schon »mutig«. Das stimmt natürlich nicht mehr.)

Wer den Film auf seine homoerotischen Anteile reduziert, läuft Gefahr, ihn zu etwas zu verklären, was er nicht ist. Weder erzählt er nämlich von gleichgeschlechtlicher Liebe noch von der späten Selbstfindung eines sich bisher heterosexuell gewähnten Durchschnittsmannes. Keine Frage, beide Themen gehören zu den wichtigsten neuen Errungenschaften des Kinos und werden auch angeschnitten. Doch wer genau hinsieht, entdeckt, dass etwas anderes im Mittelpunkt steht: die Zerreißprobe einer jungen Familie. Marcs Freundin Bettina ist innerhalb der Dramaturgie viel zentraler platziert als ihr Nebenbuhler Kay. Das belegt nicht nur der deutliche Screentime-Unterschied zwischen den Figuren, sondern auch Katharina Schüttlers immense Schauspielwucht, mit der sie Riemelt völlig überstrahlt.

Die narrative Rechtfertigung dafür lautet, dass Marc seine Freundin liebt. Zwar weckt sein Kollege eine Begierde in ihm, die sie nicht stillen kann. Dass er aber deswegen einen Ausweg aus seiner Partnerschaft suchte, um gleich dauerhaft das Ufer zu wechseln, geht aus der Handlung nicht hervor. Im Gegenteil: Kays Vorschlag eines offenen Outings weist er aggressiv zurück – es löst sein Dilemma zwischen Sex und Liebe ja nicht. Mangelnder Bekenntniswille erscheint wie eine Lappalie gegenüber den vielen kleinen Wunden, die er sich und seiner Partnerin in dieser vertrackten Lebenssituation zufügt, ja ihr vermutlich gerade nach Offenlegung seiner Neigung weiter zufügen müsste. Zähneknirschend nimmt er also anfangs in Kauf, sie anzulügen, zu versetzen und zu besänftigen, obwohl das Spiel nicht lange gutgehen kann.

Diese Geschichte ist nah am Beziehungsalltag vieler Paare angesiedelt. Es geht nicht um die sexuelle Orientierung, sondern um das gemeinsame Scheitern: Man wollte miteinander leben, ein Kind großziehen, dann haut nichts so hin, wie man es sich gewünscht hatte. Fundamente geraten ins Wanken, Perspektiven schwinden. Kaum ist Marc aufgeflogen, verfallen er und Bettina in eine stille Trauer miteinander, ohne große Ausfälle oder Konfrontationsdialoge. Ihr anfänglicher Enthusiasmus als junge Eltern stirbt in ihren enttäuschten Gesichtern und Körpern. Nicht einmal das neu bezogene Haus schaffen sie, noch fertig zu renovieren.

Als »deutsche Antwort auf ›Brokeback Mountain‹« (3sat) sollte man Stephan Lacants Langfilmdebüt also nicht missverstehen. Der in den USA ausgebildete Regisseur aus Essen ahmt zwar amerikanische Inszenierungstraditionen nach (Männer, die zu später Stunde den Kühlschrank aufsuchen und gedankenverloren aus Milchflaschen trinken, »Schwuchtel« pöbelnde Kollegen am Arbeitsplatz, das Schimpfwort »Pussy«). Aber mit der Frage, wie man einen gewählten Lebensentwurf mit veränderten sexuellen Bedürfnissen überein bekommen kann, findet er sein eigenes Thema. Das hat dem Film viel Lob und Hanno Koffler eine Nominierung für den deutschen Filmpreis eingebracht. Neuerdings hört man, er und Lacant schrieben schon zusammen am Drehbuch zu einer Fortsetzung. Der Geschichte des ersten Films gibt es allerdings nichts hinzuzufügen.

  • Freier Fall
  • DE 2013
  • 100 Minuten
  • Regie Stephan Lacant
  • Produktion Daniel Reich, Christoph Holthof
  • Drehbuch Stephan Lacant, Karsten Dahlem
  • Kamera Sten Mende
  • Schnitt Monika Schindler
  • Musik Dürbeck & Dohmen
  • Darsteller Hanno Koffler, Max Riemelt, Katharina Schüttler, Attila Borlan, Stephanie Schönfeld, Oliver Bröcker, Luis Lamprecht, Maren Kroymann
  • Auszeichnungen Deutscher Filmpreis 2014: Beste darstellerische Leistung – männliche Hauptrolle (Hanno Koffler)

von Jonathan Horstmann
am 1. November 2016

© Maximilian Oehme

Bullenhitze

Als Polizist, der seine queere Seite entdeckt, spielt sich der Schauspieler Hanno Koffler in neue Höhen. Ein schwuler Liebesfilm ist »Freier Fall« allerdings nicht geworden.

Obwohl Hanno Koffler schon bald 15 Jahre auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen ist, haben die meisten von uns ihn lange nicht richtig wahrgenommen. Zum ersten Mal fiel der Schauspieler mit den Strubbelhaaren in einem Film von Marco Kreuzpaintner auf. »Sommersturm« hieß der, Koffler gab darin den Kapitän eines schwulen Ruderclubs namens »Queerschlag«. Die Rolle ist ein Stereotyp mit dicken Oberarmen und frechen Sprüchen. Dank der gewinnenden Präsenz des Darstellers kann man sich ihr nur schwer entziehen.

Vielleicht liegt darin begründet, warum Koffler, der auch am Theater erfolgreich ist, für Kreuzpaintner und andere Regisseure mittlerweile zur Stammbesetzung gehört, wenn es um Charaktere geht, die sexuell oder verhaltenstechnisch von der Norm abweichen. Als Polizist Marc, dessen junges Familienglück von seiner Affäre mit einem Kollegen sabotiert wird, hat er mit dem Drama »Freier Fall« seine Darstellung devianter Männer auf ein neues Niveau gehoben. Es packt einen, wie er diese Figur verkörpert. Leidenschaftlich, voller Stolz und mit einer in den richtigen Momenten brüchigen Stimme.

Der schon erwähnte Kollege, der Marc den Kopf verdreht, heißt Kay und wird von Max Riemelt gespielt. Beim gemeinsamen Jogging im Wald kommt es zu einem Kuss, woraus schnell – fast etwas unvermittelt – eine stürmische Bettgeschichte entsteht. Sie ist dank der gut gebauten Schauspieler, die häufig nackt zu sehen sind, schon aus oberflächlichen Gründen für viele Zuschauergruppen interessant. Jede Szene, in der die beiden Polizisten übereinander herfallen, sondert eine Bullenhitze ab. Aus dieser Muskel-und-Uniform-Erotik springen die Klischees förmlich heraus, aber man kann sie für den progressiven Umgang mit standardisierten Körperbildern auch loben. (Einige Leute behaupten, inszenierter Sex zwischen Männern sei an sich schon »mutig«. Das stimmt natürlich nicht mehr.)

Wer den Film auf seine homoerotischen Anteile reduziert, läuft Gefahr, ihn zu etwas zu verklären, was er nicht ist. Weder erzählt er nämlich von gleichgeschlechtlicher Liebe noch von der späten Selbstfindung eines sich bisher heterosexuell gewähnten Durchschnittsmannes. Keine Frage, beide Themen gehören zu den wichtigsten neuen Errungenschaften des Kinos und werden auch angeschnitten. Doch wer genau hinsieht, entdeckt, dass etwas anderes im Mittelpunkt steht: die Zerreißprobe einer jungen Familie. Marcs Freundin Bettina ist innerhalb der Dramaturgie viel zentraler platziert als ihr Nebenbuhler Kay. Das belegt nicht nur der deutliche Screentime-Unterschied zwischen den Figuren, sondern auch Katharina Schüttlers immense Schauspielwucht, mit der sie Riemelt völlig überstrahlt.

Die narrative Rechtfertigung dafür lautet, dass Marc seine Freundin liebt. Zwar weckt sein Kollege eine Begierde in ihm, die sie nicht stillen kann. Dass er aber deswegen einen Ausweg aus seiner Partnerschaft suchte, um gleich dauerhaft das Ufer zu wechseln, geht aus der Handlung nicht hervor. Im Gegenteil: Kays Vorschlag eines offenen Outings weist er aggressiv zurück – es löst sein Dilemma zwischen Sex und Liebe ja nicht. Mangelnder Bekenntniswille erscheint wie eine Lappalie gegenüber den vielen kleinen Wunden, die er sich und seiner Partnerin in dieser vertrackten Lebenssituation zufügt, ja ihr vermutlich gerade nach Offenlegung seiner Neigung weiter zufügen müsste. Zähneknirschend nimmt er also anfangs in Kauf, sie anzulügen, zu versetzen und zu besänftigen, obwohl das Spiel nicht lange gutgehen kann.

Diese Geschichte ist nah am Beziehungsalltag vieler Paare angesiedelt. Es geht nicht um die sexuelle Orientierung, sondern um das gemeinsame Scheitern: Man wollte miteinander leben, ein Kind großziehen, dann haut nichts so hin, wie man es sich gewünscht hatte. Fundamente geraten ins Wanken, Perspektiven schwinden. Kaum ist Marc aufgeflogen, verfallen er und Bettina in eine stille Trauer miteinander, ohne große Ausfälle oder Konfrontationsdialoge. Ihr anfänglicher Enthusiasmus als junge Eltern stirbt in ihren enttäuschten Gesichtern und Körpern. Nicht einmal das neu bezogene Haus schaffen sie, noch fertig zu renovieren.

Als »deutsche Antwort auf ›Brokeback Mountain‹« (3sat) sollte man Stephan Lacants Langfilmdebüt also nicht missverstehen. Der in den USA ausgebildete Regisseur aus Essen ahmt zwar amerikanische Inszenierungstraditionen nach (Männer, die zu später Stunde den Kühlschrank aufsuchen und gedankenverloren aus Milchflaschen trinken, »Schwuchtel« pöbelnde Kollegen am Arbeitsplatz, das Schimpfwort »Pussy«). Aber mit der Frage, wie man einen gewählten Lebensentwurf mit veränderten sexuellen Bedürfnissen überein bekommen kann, findet er sein eigenes Thema. Das hat dem Film viel Lob und Hanno Koffler eine Nominierung für den deutschen Filmpreis eingebracht. Neuerdings hört man, er und Lacant schrieben schon zusammen am Drehbuch zu einer Fortsetzung. Der Geschichte des ersten Films gibt es allerdings nichts hinzuzufügen.

  • Freier Fall
  • DE 2013
  • 100 Minuten
  • Regie Stephan Lacant
  • Produktion Daniel Reich, Christoph Holthof
  • Drehbuch Stephan Lacant, Karsten Dahlem
  • Kamera Sten Mende
  • Schnitt Monika Schindler
  • Musik Dürbeck & Dohmen
  • Darsteller Hanno Koffler, Max Riemelt, Katharina Schüttler, Attila Borlan, Stephanie Schönfeld, Oliver Bröcker, Luis Lamprecht, Maren Kroymann
  • Auszeichnungen Deutscher Filmpreis 2014: Beste darstellerische Leistung – männliche Hauptrolle (Hanno Koffler)