Napalm-Tarzan

Vietnam mitten in Amerika: Kriegsveteran John Rambo wird von seinen Landsleuten durchs Unterholz gejagt – und metzelt alle ab.

Als die US-Soldaten in den Siebzigerjahren nach Hause zurückkehrten, erwartete sie dort eine neue Realität. Hippies und Bürgerrechtler hatten das gesellschaftliche Klima der USA verändert. Vielen Amerikanern war Vietnam, die dunkle Eskapade des Misserfolgs, die jahrelang nicht hatte enden wollen, so verhasst, dass sie die Heimkommer mit Verständnislosigkeit und Abscheu in Empfang nahmen. Ein bekannter Folksong aus dieser Zeit geht: »When you stood up for justice, your country replied by throwing it back in your face.« Musiker Graham Nash besang mit dem Lied den Veteranen Scott Camil, der sich nach dem Krieg in seiner Heimat fremder fühlte als vorher im Feindesland.

John Rambo (Sylvester Stallone) könnte davon auch ein Lied singen. Früher war er ein hochdekorierter Green Beret, heute, wir schreiben die Achtziger, trägt er einen Seesack über der Schulter und erkundigt sich auf einem Hof im amerikanischen Nordwesten nach einem Freund aus Army-Zeiten. Leider ist der Gesuchte tot – Krebs, eine Spätfolge der verdammten Giftgase. Rambo zieht den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern und schlurft davon. Auf der Straße streitet er sich mit einem Sheriff (Brian Dennehy), wird auf die Wache geschleppt und aus Schikane mit Eiswasser geduscht. Plötzlich erwacht in ihm ein tiefgekränkter, in schlimmsten Kriegsgreueln gestählter Kämpfer, der es nicht fassen kann, wie er hier in der Heimat behandelt wird. Zack, hat er das Personal auf der Wache plattgemacht und sich ins benachbarte Waldgebiet abgesetzt! Von den zahlreichen Gesetzeshütern, die sich ihm sofort an die Fersen heften, werden nur wenige die nächste Stunde überleben.

Man kann den Film an dieser Stelle abbrechen oder sich der nun beginnenden Gewaltorgie hingeben. »Rambo« hört sich schließlich nicht ohne Grund wie ein Synonym für schreckliches Blutvergießen an. Nachdem der Anti-Held Bullen, Wachhunde und Wildschweine mit bloßen Fäusten aus dem Weg geräumt hat, sieht er dank seiner schwarzroten Kriegsbemalung bald so aus, als hätte sich Tarzan mit Napalm eingeschmiert. Zweck der von ihm angerichteten Gewaltorgie: Vergeltung für die erlebte Geringschätzung. Und wohl auch eine Abrechnung mit dem Krieg selbst durch nochmaliges Ausüben. Wie jeder Traumageplagte muss John Rambo die Krise seines Lebens erneut durchleben, um sie loszuwerden.

Sonstige Hintergründe über seine Person sind unwichtig. Allein aus dem Motiv der Kränkung entfaltet »First Blood« ein Rachespektakel, das viele Ähnlichkeiten mit Rambos früheren Erlebnissen am anderen Ende der Welt aufweist: Wald wird zum Schlachtfeld und verfügt plötzlich über unterirdische Stollen, wie die US-Soldaten sie einst ausgehoben hatten, um im vietnamesischen Unterholz den Feind zu überlisten. Innen robbt Rambo sich durch. Draußen werfen seine Jäger Handgranaten und posieren für Fotos. Ist es nicht erstaunlich? Für das ikonografische Ereignis Vietnam braucht es Vietnam gar nicht. Seine entscheidenden Zutaten können wir auch hier bestaunen: den Dschungel, die Hubschrauber, Macheten, Brandbomben, die launischen Sprüche. Einen Mann, der alles niedermetzelt, was sich ihm in den Weg stellt.

Diese Action, die den echten Krieg imitiert, sollte man nicht als harmlosen Spaß abtun. Denn Rambos Kampf gegen seine Landsleute will ein engagiertes Sinnbild für den Außenseiterstatus der Veteranen sein. Man muss den grimmigen Gestus akzeptieren – oder ihn albern finden. Im Finale des Films wird Napalm-Tarzan schließlich doch noch geschnappt und gegen jedes Gerechtigkeitsempfinden abgeführt. »It’s a real war right outside your front door«, singt eine mitleidige Stimme, während die Credits laufen. Vielleicht ist es wieder Graham Nash, vielleicht auch nicht.

  • First Blood
  • Rambo
  • USA 1982
  • 93 Minuten
  • Regie Ted Kotcheff
  • Produktion Buzz Feitshans, Mario Kassar, Andrew G. Vajna
  • Drehbuch Michael Kozoll, William Sackheim, Sylvester Stallone
  • Vorlage »First Blood« von David Morrell
  • Kamera Andrew Laszlo
  • Schnitt Joan E. Chapman
  • Musik Jerry Goldsmith
  • Darsteller Sylvester Stallone, Richard Crenna, Brian Dennehy, Bill McKinney, Jack Starrett, Michael Talbott, Chris Mulkey, John McLiam, Alf Humphreys, David Caruso

von Jonathan Horstmann
am 5. September 2016

© Maximilian Oehme

Napalm-Tarzan

Vietnam mitten in Amerika: Kriegsveteran John Rambo wird von seinen Landsleuten durchs Unterholz gejagt – und metzelt alle ab.

Als die US-Soldaten in den Siebzigerjahren nach Hause zurückkehrten, erwartete sie dort eine neue Realität. Hippies und Bürgerrechtler hatten das gesellschaftliche Klima der USA verändert. Vielen Amerikanern war Vietnam, die dunkle Eskapade des Misserfolgs, die jahrelang nicht hatte enden wollen, so verhasst, dass sie die Heimkommer mit Verständnislosigkeit und Abscheu in Empfang nahmen. Ein bekannter Folksong aus dieser Zeit geht: »When you stood up for justice, your country replied by throwing it back in your face.« Musiker Graham Nash besang mit dem Lied den Veteranen Scott Camil, der sich nach dem Krieg in seiner Heimat fremder fühlte als vorher im Feindesland.

John Rambo (Sylvester Stallone) könnte davon auch ein Lied singen. Früher war er ein hochdekorierter Green Beret, heute, wir schreiben die Achtziger, trägt er einen Seesack über der Schulter und erkundigt sich auf einem Hof im amerikanischen Nordwesten nach einem Freund aus Army-Zeiten. Leider ist der Gesuchte tot – Krebs, eine Spätfolge der verdammten Giftgase. Rambo zieht den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern und schlurft davon. Auf der Straße streitet er sich mit einem Sheriff (Brian Dennehy), wird auf die Wache geschleppt und aus Schikane mit Eiswasser geduscht. Plötzlich erwacht in ihm ein tiefgekränkter, in schlimmsten Kriegsgreueln gestählter Kämpfer, der es nicht fassen kann, wie er hier in der Heimat behandelt wird. Zack, hat er das Personal auf der Wache plattgemacht und sich ins benachbarte Waldgebiet abgesetzt! Von den zahlreichen Gesetzeshütern, die sich ihm sofort an die Fersen heften, werden nur wenige die nächste Stunde überleben.

Man kann den Film an dieser Stelle abbrechen oder sich der nun beginnenden Gewaltorgie hingeben. »Rambo« hört sich schließlich nicht ohne Grund wie ein Synonym für schreckliches Blutvergießen an. Nachdem der Anti-Held Bullen, Wachhunde und Wildschweine mit bloßen Fäusten aus dem Weg geräumt hat, sieht er dank seiner schwarzroten Kriegsbemalung bald so aus, als hätte sich Tarzan mit Napalm eingeschmiert. Zweck der von ihm angerichteten Gewaltorgie: Vergeltung für die erlebte Geringschätzung. Und wohl auch eine Abrechnung mit dem Krieg selbst durch nochmaliges Ausüben. Wie jeder Traumageplagte muss John Rambo die Krise seines Lebens erneut durchleben, um sie loszuwerden.

Sonstige Hintergründe über seine Person sind unwichtig. Allein aus dem Motiv der Kränkung entfaltet »First Blood« ein Rachespektakel, das viele Ähnlichkeiten mit Rambos früheren Erlebnissen am anderen Ende der Welt aufweist: Wald wird zum Schlachtfeld und verfügt plötzlich über unterirdische Stollen, wie die US-Soldaten sie einst ausgehoben hatten, um im vietnamesischen Unterholz den Feind zu überlisten. Innen robbt Rambo sich durch. Draußen werfen seine Jäger Handgranaten und posieren für Fotos. Ist es nicht erstaunlich? Für das ikonografische Ereignis Vietnam braucht es Vietnam gar nicht. Seine entscheidenden Zutaten können wir auch hier bestaunen: den Dschungel, die Hubschrauber, Macheten, Brandbomben, die launischen Sprüche. Einen Mann, der alles niedermetzelt, was sich ihm in den Weg stellt.

Diese Action, die den echten Krieg imitiert, sollte man nicht als harmlosen Spaß abtun. Denn Rambos Kampf gegen seine Landsleute will ein engagiertes Sinnbild für den Außenseiterstatus der Veteranen sein. Man muss den grimmigen Gestus akzeptieren – oder ihn albern finden. Im Finale des Films wird Napalm-Tarzan schließlich doch noch geschnappt und gegen jedes Gerechtigkeitsempfinden abgeführt. »It’s a real war right outside your front door«, singt eine mitleidige Stimme, während die Credits laufen. Vielleicht ist es wieder Graham Nash, vielleicht auch nicht.

  • First Blood
  • Rambo
  • USA 1982
  • 93 Minuten
  • Regie Ted Kotcheff
  • Produktion Buzz Feitshans, Mario Kassar, Andrew G. Vajna
  • Drehbuch Michael Kozoll, William Sackheim, Sylvester Stallone
  • Vorlage »First Blood« von David Morrell
  • Kamera Andrew Laszlo
  • Schnitt Joan E. Chapman
  • Musik Jerry Goldsmith
  • Darsteller Sylvester Stallone, Richard Crenna, Brian Dennehy, Bill McKinney, Jack Starrett, Michael Talbott, Chris Mulkey, John McLiam, Alf Humphreys, David Caruso